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Wie das alte Rom noch heute unsere Esskultur beeinflusst

Gastbeitrag | 13. September 2019

1543 Jahre. So lange ist es her, dass ein gewisser Romulus Augustus 476 gegen eine jährliche Zahlung von 6000 Solidi zwangsverrentet wurde. Schon das war ungewöhnlich, denn wenn einen seiner Vorgänger auf dem römischen Kaiserthron ein ähnliches Schicksal ereilte, wurde dieser meist unbürokratisch ins Jenseits befördert.

Doch die Absetzung von Romulus Augustus war auch ohne dieses Detail kein lapidarer Moment der Zeitgeschichte, sondern einer der wichtigsten überhaupt – sie war gleichbedeutend mit dem Ende des weströmischen Reichs. Der Westteil eines der größten Imperien, das die Menschheitsgeschichte je gesehen hat, ging praktisch über Nacht unter. Mit ihm verschwanden Stück für Stück sämtliche Institutionen, kulturellen Errungenschaften und Lebensgewohnheiten, die zwischen Britannien, Plattensee und Gibraltar für Jahrhunderte Bestand gehabt hatten. Ein Schlag, von dem die damalige westliche Welt sich erst zum Ende des Mittelalters, also rund tausend Jahre später, erholen sollte.

„Wirklich ganz Rom?“ um es mit den Worten des bekanntesten, in der Römerzeit angesiedelten Comics zu fragen. Nein! Denn gerade was Speis und Trank anbelangt, hinterließen die Römer Eindrücke, die sich bis heute noch zeigen.

Den meisten Dingen aus dem folgenden Artikel ist zwar gemein, dass es sie schon in vorrömischen Kulturen gab. Aber erst im Imporium Romanum wurden sie groß – so groß, dass wir sie heute noch auf dem Teller und im Glas genießen.

Die Mahlzeiten per se

Warum essen wir morgens, mittags und abends? Keine rhetorische Frage. Denn was Mahlzeiten anbelangt, ist der Mensch laut einer Studie schon seit frühesten Tagen und je nach Siedlungsort ein ausgesprochen launischer Charakter.

Noch lange nach dem Ende der Jäger-und-Sammler-Gesellschaft waren zwei Mahlzeiten Usus – teils wurde auch nur dann gegessen, wenn der Magen knurrte. Und nicht nur die Zeiten unterschieden sich, sondern auch, was auf den Tisch kam.

Erst die Römer entwickelten eine großflächig verbreitete, einheitliche Mahlzeitenkultur – und zwar sowohl in zeitlicher wie inhaltlicher Hinsicht. Und auch wenn die genaue Abfolge und Inhalte sich in den Ecken des Reiches sowie dem Status der Speisenden unterscheiden konnten, sah es auf dem Höhepunkt der Macht folgendermaßen aus:

  1. Das Ientaculum, das Frühstück, das in seinen Inhalten zwischen Brot, Eiern, Käse und Früchten erstaunlich dem ähnelte, was wir heute zu uns nehmen.
  2. Das Prandium, das mittags eingenommen wurde und deftigere Speisen sowie Gemüse enthielt, gerne auch aufgewärmtes vom Vorabend. Auch hierin unterscheidet es sich kaum vom Mittagessen des heutigen berufstätigen Westlers.
  3. Die Cena, das Abendessen. Hier zeigt sich der einzige echte (Detail-)Unterschied. Denn je reicher die Person, desto mehr ähnelte die Cena einem Gelage, das schon in den späten Nachmittagsstunden begann. Allerdings waren die Inhalte wieder gleich: Gebratenes, Gekochtes und von allem reichlich.

Übrigens sorgte die Weiterentwicklung der Cena dafür, dass um die Zeitwende herum auch bereits Vorspeise, Hauptgang und süßes Dessert serviert wurden.

Der Wein

Wenn die Sprache einer Hochkultur einen noch heute bekannten Satz wie „In Vino Veritas“ – im Wein liegt Wahrheit – hervorbrachte, dürfte das mehr als ein eindeutiger Hinweis auf die Bedeutung dieses Getränks sein.

Tatsächlich darf man sogar soweit gehen und sagen, dass Wein heute nicht mal annähernd seinen Stellenwert hätte, wenn es nicht Rom gegeben hätte. Nehmen wir das kleine französische Örtchen Ampuis. Einst an einer der wichtigsten römischen Handelsstraßen nach Westen gelegen, wurde es wegen seiner Lage, der Böden und Hänge, zu einem Ort, der seit rund 2000 Jahren keltert – durchgängig wohlgemerkt. Und solche Orte gibt es überall im ehemaligen römischen Reich, ob nun in Frankreich, entlang der Untermosel und selbst in Nordafrika.

Von jenen Tagen, an denen die Stadt Rom sich aufmachte, zum Weltreich zu werden, lief es immer nach dem gleichen Schema ab: Man verschob die Grenzen nach außen, entdeckte dabei bestehende Weinanbaugebiete und gliederte sie ein (so etwa in Süditalien, wo griechische Siedler schon in vorrömischer Zeit eine Wein-Hochkultur errichtet hatten).

Als das Reich seine östlichste Ausdehnung erreicht hatte, hatte man gleichsam auch die Wurzel des Weins gefunden – im heutigen Armenien wurde Wein schon Jahrtausende vor den Römern kultiviert. Und wo sich keine eigene Weinkultur fand, aber die Lage gut war, schafften die Römer rasch die nötigen Reben heran – was dazu führte, dass selbst in heute „undenkbaren“ Gebieten wie Großbritannien Wein angebaut wurde.

Tatsächlich sieht es so aus: Praktisch überall, wo heute auf dem geographischen Gebiet des ehemaligen Reiches Wein angebaut wird, haben auch die Römer ihn schon angebaut bzw. erst dorthin gebracht. Einziger Unterschied: Wein wurde damals von jedem zu jeder Tageszeit getrunken. Neben Wasser war es das wichtigste Getränk aller Schichten.

Interessanter Fakt am Rande: Als die Römer gingen, kultivierten ihre Nachfolger fast überall nahtlos weiter.

Das Essen to go

Für die meisten ist das, was wir heute zwischen Erdnüssen im Teigmantel, superscharfen Hot Wings und Hamburgern kennen, eine Entwicklung, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg begann – immerhin kennt man ja die Geschichte um jene mit Curry verfeinerte Wurst, die heute vor allem im Ruhrgebiet auch als Schimanski-Platte bekannt ist. Und die begann bekanntermaßen ebenso 1949, wie das erste McDonald’s Restaurant nicht vor 1955 eröffnete.

Bei ehrlicher Betrachtung kann man jedoch hierbei höchstens von einer Wiederentdeckung des Fast Foods sprechen. Der geneigte Leser vermutet es sicher schon: ganz genau, die Römer fingen damit nicht nur an, sondern waren enorme To-Go-Liebhaber.  

Panierter Fisch, geröstete und gesalzene Erbsen, ja, sogar der Hamburger (als isicia Omentata) waren im Imperium Romanum bekannt und beliebt. Damals wie heute lebten vor allem die Städter enorm schnelllebig. Und ob nach dem Geschäftstermin, während des Stadionbesuchs im Kolosseum oder auch einfach, wenn man keine Lust hatte, selbst zu kochen: Die Thermolopia-Fast-Food-Ketten standen bereit und stillten den Hunger – übrigens schon damals zur Klage so mancher Genießer feiner Küche.

Allerdings: Bislang sucht die Geschichtswissenschaft noch vergebens ein „Missing Link“, das eine dauerhafte Fast-Food-Kontinuität seit römischen Zeiten belegen würde. Zumindest bis ins Mittelalter waren die kleinen Stände und To-Go-Snacks wieder lange Zeit unbekannt.

Der Salat

Salat ist heute eine der wichtigsten Gemüsesorten überhaupt – alljährlich werden allein in Deutschland abertausende Tonnen davon verspeist. Aber wenn wir das nächste Mal im Supermarkt ein Schild in der Gemüseabteilung erspähen, auf dem Römersalat steht, dann ist das nicht nur irgendeine Markenbezeichnung.

Im Gegenteil, Römersalat, oder Lactuca sativa var. Longifolia, ist eine jener Speisen, die schon vor Rom existierten – er wurde bereits im alten Ägypten kultiviert – aber durch die römischen Eroberungen in die (damalige) Welt getragen wurde. Ähnlich wie auch viele andere Salatsorten zwischen Blattsalat, Endivien und diversen Kresse-Sorten: Das hatte mehrere Gründe:

  1. Die Römer waren bekannt dafür, dass ihr Gaumen den gleichen Weg nahm wie die erobernden Truppen. Wohin Legionäre, Beamte und Bürger gingen, trugen sie römische Küche mit sich.
  2. Salate sind generell recht anspruchslose Pflanzen, gedeihen in unterschiedlichen klimatischen Bedingungen und auf ebenso unterschiedlichen Böden. Perfekt für ein Reich, das von Vorderasien bis auf die britischen Inseln reichte.

Hinzu kam, dass die Römer den Salat wegen einer ähnlichen Eigenschaft mochten, die auch wir heute noch lieben: Pflücken, waschen, zerteilen, würzen. Fertig ist der Salat. Und mischt man ein paar regionale und saisonale Zutaten unter, macht man ebenfalls nie etwas verkehrt.

Übrigens waren in der Zeit nach dem Zusammenbruch des Reiches vor allem Klöster dafür verantwortlich, dass der Salat erhalten blieb und nicht neu entdeckt werden musste.

Was die Römer sonst noch kannten und kosteten

Diese vier Dinge sind die „zentralen kulinarischen Überlieferungen“ des Römischen Reichs. Allerdings gab es damals auch noch andere Genüsse auf dem Speiseplan, die auch dem modernen Leser noch munden würden:

  • Würste in allen Variationen.
  • Huhn und Ente, wobei ersteres damals als edleres Tier angesehen wurde und teurer war.
  • Champignons. Generell liebten die Römer Pilze.
  • Brot in ähnlicher Variantenvielfalt und nach ähnlichen Rezepten wie heute.
  • Glühwein, den man damals mit Honig, Lorbeer, Datteln und Safran aufkochte.

Allerdings: Dinge wie gefüllte Siebenschläfer und das Speisesofa, auf das man sich während der Cena hinlegte, gingen mit Rom unter.

Autor: Leander Hettich

Noch mehr Rom

Erlebt einen Tag in Rom: ZDF erzählt einen Tag im Leben des römischen Feuerwehrmanns Quintus Pompeius Naso im Jahr 80 nach Christus – vom Morgenappell bis zum nächtlichen Brandeinsatz.

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Kategorien: Kultur

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