Ulrich Seidl erzählt in "Paradies: Glaube" von kranker Frömmigkeit, unterdrückter Sexualität & religiösem Schrecken. Mit einer grandiosen Hauptdarstellerin!
Spielfilm 114 min

Paradies: Glaube

Anne | 18. Juli 2019

Drei Frauen auf der Suche nach der Erfüllung von Liebe: die eine als Sextouristin in Kenia, die andere als Geliebte von Jesus Christus und die nächste als unsterblich verknallte Teenagerin. Zu sehen sind diese drei Frauen in der inhaltlich miteinander verwobenen Paradies-Trilogie von Ulrich Seidl. Aktuell könnt ihr in der ARD-Mediathek sowohl Paradies: Liebe, den wir euch schon empfohlen haben, als auch Paradies: Glaube sehen.

Ulrich Seidl – Meister der Fremdscham

Ulrich Seidls Kamera schweift nicht ab, sondern hält direkt drauf. Damit erzeugt er in all seinen Filmen eine fast schon unerträgliche Intimität. Er selbst sagt dazu: „Ich möchte, dass die Filme nachhaltig sind. Auch wenn sie im ersten Moment verstören, daraus erwächst ja erst Erkenntnis und das bringt doch Befreiung und Befriedigung.“ 

Das Gefühl von Voyeurismus wird durch den dokumentarischen Charakter seiner Filme bestärkt. Geschriebene Dialoge gibt es nicht – die Szenen sind improvisiert, um die größtmögliche Natürlichkeit darzustellen.

Paradies: Glaube – katholischer Horror

Die keusche Katholikin Anna Maria (gespielt von Maria Hofstätter) und ihre Glaubensgemeinschaft haben ein Ziel: “Jesus, wir schwören dir, dass Österreich wieder katholisch wird. Amen.” Dafür fährt sie mit einer Marienstatue im Gepäck quer durchs Land, um hier die (zumeist ausländischen) Atheisten zum (richtigen) Glauben zu bekehren. Wenn sie nicht in ihrem “Mariamobil” unterwegs ist, kriecht sie auf Knien über den sauber gewienerten Boden ihrer kleinbürgerlichen Wohnung und geißelt sich selbst mit einer Peitsche.

Masturbieren mit Jesus

Ulrich Seidl erzählt in Paradies: Glaube von übertriebener Frömmigkeit, unterdrückter Sexualität und religiösem Schrecken. Wie schon in seinen anderen Filmen macht der Regisseur das auf sehr eindrückliche und schonungslose Weise. Dadurch changiert das eigene Gemütsbild ständig zwischen Beklemmung, Amüsement und Fremdscham. Zum Beispiel wenn Maria das Cruxifix von der Wand nimmt und erst liebevoll an sich drückt, dann langsam zwischen ihre Beine gleiten lässt. Sehr unterhaltsam ist auch die Szene, in der sie einem älteren Ehepaar (das vermutlich ahnungslos ist und denkt, es handelt sich um einen Dokumentarfilm) ihre Sünden vorhält.

Auch wenn Paradies: Glaube eher der schwächste der drei Paradies-Filme ist – sehr sehenswert ist er allemal! Vor allem wegen der grandiosen Maria Hofstätter.

Den dritten Film der Trilogie, “Paradies: Hoffnung”
könnt ihr hier streamen.

Bild: © ARD Degeto/Tatfilm

Verfügbar bis: 15. Oktober 2019
Kategorien: Film & Serie