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Ostkreuz, Agentur der Fotografen in Berlin

Anne | 03. September 2018

Ute und Werner Mahler gehören zu den wichtigsten deutschen Fotografen – und sind zwei der sieben Ostdeutschen, die 1989 die Fotoagentur „Ostkreuz“ gründen. Ihr Vorbild: die berühmte Agentur „Magnum“. Denn genau wie bei den Pariser Kollegen, sind auch für sie ein humanistischer Blick auf die Gesellschaft und eine engagierte Dokumentarfotografie die zentralen Gemeinsamkeiten. Bis heute hält das Kollektiv aus Berlin diese Werte hoch. Und damit sind sie ziemlich erfolgreich: Mittlerweile zählt Ostkreuz 18 Mitglieder und ist eine der wichtigsten Fotoagenturen Deutschlands.

Ostkreuz Doku zeigt die Mitglieder der Agentur

Regisseur Maik Reichert hat die Agenturmitglieder mehrere Jahre lang mit der Kamera begleitet. In seinem Film stellt er sieben von ihnen vor: Maurice Weiss, Annette Hauschild, Ute und Werner Mahler, Linn Schröder, Julian Röder und Harald Hauswald (Buch: Ost-Berlin: Die verschwundene Stadt). Sehr ehrlich erzählen die Fotografen, wie hart das Geschäft und wie schwer der Überlebenskampf ist. Denn wirklich viel Geld verdienen nur die wenigstens. Auch sind die legendären Ostkreuz-Ausstellungen immer wieder ein finanzieller und zeitintensiver Kraftakt. Die Ausstellungen bringen Ostkreuz zwar einiges an öffentlicher Aufmerksamkeit und gute Kontakte ein, aber eigentlich kann sich die Agentur solche Events kaum leisten, wie Annette Hauschild erzählt.

Verträge und Freundschaften

Ebenso diskutieren die Fotografen immer mal wieder über Ausrichtung der Agentur. Diese intensiven Gespräche finden zum Beispiel auf einer ihrer gemeinsamen, jährlichen Paddeltouren, Spargelessen oder Weihnachtsfeiern statt. Denn das Besondere bei Ostkreuz ist, dass die Zusammenarbeit der Fotografen nicht nur auf einem mehrere Seiten langen Vertrag basiert, sondern auch auf einer engen Freundschaft. “Da ist man dann dabei, wenn sich jemand frisch verliebt oder wenn sich jemand trennt. Wenn Kinder geboren werden oder wenn jemand stirbt.”, erzählt Ute Mahler.

Fotografie als Haltung

Die Ostkreuz Doku hält viele spannende, persönliche Geschichten bereit. Zum Beispiel darüber, wie jeder einzelne zur Fotografie gekommen ist. Oder darüber, welches Ziel er oder sie mit seiner Arbeit verfolgt. Unter anderem begleiten wir Harald Hauswald während er in Prenzlauer Berg durch die Hinterhöfe schlendert und fotografiert. Er erzählt, wie er in den 80ern als Telegram-Bote bei der Post arbeitete. Mit seiner Kamera fing die Situation hinter den bröckelnden Fassaden ein. Hauswalds Fotos gefielen der DDR-Führung nicht (wie dieser interessante Kurzfilm verdeutlicht). Sie zeigten leere, graue Häuserfassaden, heruntergekommene Orte und Punks. All das also, was die Staatssicherheit nicht in der Öffentlichkeit der DDR sehen wollte. “In den Zeitungen stand, dass Honecker die 100.000 Neubau-Wohnung in Marzahn eingeweiht hat und hier rieselte der Putz auf die Straße.”, so Hauswald. Als hochüberwachter DDR-Kritiker fand er in der Fotografie eine Möglichkeit, sich sozialkritisch auszudrücken.

Über die Porträts der einzelnen Fotografen hinaus lernen wir ihre große Gemeinsamkeit kennen: Für sie bedeutet Fotografie sowohl Leidenschaft als auch politische Haltung. Eine sehr interessante Doku!

Weitere fotografische Einblicke

Mehr fotografische Einblicke in den Ostberliner Prenzlauer Berg erhaltet ihr in dieser tollen Doku auf Mediasteak. Und weitere Ostkreuz-Fotografien gibt es in diesem Bildband:

Bild: © Maik Reichert, ARD, Ostkreuz Doku
Verfügbar bis: 09. September 2018
Kategorien: Gesellschaft, Kultur