Behind the scenes

Kino in Zeiten von Corona

Mediasteak | 08. November 2021

Wir haben eine lange Zeit von Einschränkungen hinter uns, die uns privat und die Unternehmen, die wir lieben, stark mitgenommen haben. Für Kinos sah es lange Zeit schlecht aus. Sie mussten schließen und konnten Einnahmen nur noch mit Gutscheinen und Popcornverkäufen machen. Andere haben umgedacht und neue Strategien entwickelt, auch zu Corona noch Filme zeigen zu können. Heute, mit Impfungen und Nachweispflicht, sehen wir ein Licht am Ende des Tunnels: Das Kino kommt zurück. Aber was ist inzwischen daraus geworden?

Eine Geschichte von Sehnsucht & Hoffnung

In seinem Roman Liebe in Zeiten der Cholera schreibt Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez einen Liebesepos: Ein Arzt, der mit Kenntnissen der modernen Medizin und angebrachten Hygienemaßnahmen erfolgreich gegen die Krankheit Cholera kämpft, stiehlt einer Jugendliebe die Chance, die rund 50 Jahre später, nach seinem Tod, wieder aufgegriffen wird. Das nun gealterte Liebespaar fährt am Ende des Romans auf einem Dampfschiff in den Horizont, die Choleraflagge gehisst, damit kein anderer sie bei ihrer verspäteten Hochzeitsreise stört.

Es ist eine Geschichte von Herzschmerz und Sehnsucht, von langem Warten auf ein Wiedersehen, von Einschränkungen und sozialen Obligationen. Am Ende sind es Briefe über das Leben, die Liebe, das Altern und den Tod, die das Paar vom Anfang des Buchs wieder aneinander annähert und ein dreistes Ausnutzen der Angst vor einer Krankheit, das ihnen lang ersehnte Zweisamkeit schenkt.

Nicht nur Geschichten wiederholen sich immer wieder. Auch Weltgeschehnisse laufen scheinbar gerne einmal in den gleichen Bahnen ab. Heute erleben wir ebenfalls etliche Beziehungen, die wegen einer Krankheit getrennt und auf Eis gelegt werden. Analysen zu der Nutzung von Dating-Apps weisen darauf hin, dass die Konversationen zwischen Interessenten seit der Pandemie nicht nur länger geworden sind, sondern sich auch vermehrt um tiefere Themen wie das Leben und den Tod drehen. 

Auch ohne romantische Beziehung in Sicht warten wir alle, sehnsüchtig, auf Dinge, von denen wir zwangsweise Abstand halten mussten. Für uns natürlich an erster Stelle: das Kino.

Coronakonforme Kinovarianten

Glücklicherweise hat es für uns keine 50 Jahre gedauert, bis wir endlich wieder mit dem Objekt unserer Sehnsucht vereint sind. Die Liebe zu dem Medium und die verzweifelte Suche nach möglichem Einkommen hat die Kinobetreiber des Landes kreativ gemacht. Wer nicht die Erlaubnis hatte, fremde Menschen gemeinsam in einen geschlossenen Raum zu setzen, musste kreativ werden. Die Lockdown-Phasen waren die Hochzeit des Distanzkinos.

Freiluft- und Autokino

Für manche Lösungen muss man nicht modern denken, sondern in die Vergangenheit blicken. Autokinos waren schon so gut wie ausgestorben. Mit Covid sind sie zurückgekommen. Mit allen Haushalten auf den Innenraum ihres eigenen Autos begrenzt und dazwischen freier Himmel, waren sie schon ohne Änderung coronakonform. Hier wurden nur noch die Audio-Geräte und Toiletten zwischen Vorstellungen desinfiziert und Verkäufe von Lebensmitteln eingeschränkt und voilà: Wer das Kino vermisst hat, konnte hier vollkommen sicher Zuflucht finden und dabei etwas Retro-Feeling erleben.

Durch die Pandemie wurde wieder Aufmerksamkeit auf die noch existenten Auto-Freiluftkinos gerichtet, die sich auch nach den Lockdowns noch an Beliebtheit erfreuen. Wer das selbst erleben möchte, findet hier das Programm des Drive In Autokino Essen.

Ein wenig Zusammengewürfelter war das spontane Freiluftkino. Betreiber haben nach Plätzen im Freien gesucht, um dort mit Beamer, improvisierter Leinwand und Gartenstühlen Kino anzubieten. Dabei ist leider nicht nur das Wetter unberechenbar, auch die Umsetzung ist rechtlich gesehen schwierig, sofern man den Vorführbereich nicht vor nicht-zahlenden Gästen abschirmen kann.

Online-Kino

Das Streaming war und bleibt aufs erste der große Gegner der analogen Kinos. Einnahmen, die eigentlich dem Kino versprochen sind, gingen ihnen nun verloren. Sie hatten bisher das Recht auf die 6-monatige Sperrfrist, nach der sie einige Wochen lang als erste neue Filme zeigen durften. Jetzt gab es Prämieren für Netflix und Co. Für die Produktionsfirmen war das ein Weg, um trotz Corona Geld zu machen. Die tatsächlichen Kinos blieben dabei auf der Strecke.

Technikaffine Kinobesitzer mit etwas Budget haben stattdessen versucht, sich ein Vorbild an diesem Vorgehen zu nehmen. Zusammenarbeiten mit alternativen Streaming-Plattformen und Video-Archiven im Internet war für sie ein Weg, Einnahmen zu sichern. Wenn sie die Rechte für neue Filme nicht hatten, um sie online zeigen zu dürfen, haben sie stattdessen Klassiker angeboten.

Filmfestivals sind auf diesen Zug aufgesprungen. Auf ihren Webseiten haben sie virtuelle Wege angeboten, an den üblichen Festivitäten teilzunehmen. Statt der Ausstrahlung der Berlinale gab es Online-Angebote; von den teilnehmenden Filmen über Talkrunden, Workshops und Beiträge zu dem Medium an sich.

Und jetzt?

Ist das klassische Kino jetzt out? Schon vor Covid gab es auf der ganzen Welt besondere Kinoideen, wie das Hot-Tub-Kino in London oder die Olympia Music Hall in Paris, wo man bei dem Kinobesuch in Betten liegt. Durchgesetzt haben sich diese Kinovarianten nicht. Das Kino-Streaming ist wohl die größte Konkurrenz für das Kino, wie wir es kennen. Bequem von Zuhause aus Blockbuster schauen, in vielen Fällen für weniger Geld, das ist verlockend. Aber vielen von uns geht es dann doch um das große Bild und das bombastische Soundsystem.

Die Einspielzahlen von No Time to Die, dem neusten James Bond mit Daniel Craig, machen es deutlich: Corona hat dem Kino nicht den Todesstoß gegeben. Während der gesamten Pandemie hat es kein Kinofilm geschafft über 100 Millionen Dollar zu verdienen. Der Bond spielte als erster schon am ersten Wochenende international 121 Millionen Dollar ein. Allein in Deutschland waren es seit dem 08. Oktober bis heute 54 Millionen Euro. Das stimmt die Branche hoffnungsvoll. Es lohnt sich wieder, Kinos zu öffnen und Filme herauszugeben.

Ein großer Grund dafür sind die Impfregelungen und 3G-Nachweise. Während es zu anderen Zeiten der Pandemie zu riskant war, sich mit Fremden über längere Zeit in einen geschlossenen Raum zu setzen, gibt es heute mehrere Sicherheitsnetze. Alle Gäste müssen geimpft, getestet oder genesen sein, eine Großzahl der Plätze ist nicht besetzt und Lüftungen und Hygienemaßnehmen reduzieren den Rest der Ansteckungsgefahr.

Wie Fermina und Florentino in Márquez Buch, haben wir Distanz und Sehnsucht hinter uns gebracht, und dürfen uns nun endlich wieder trauen, das Kino zu besuchen. Ob in Autokinos, virtuell oder ganz klassisch. Das lange Warten hat, fürs Erste, ein Ende.

Bild: Pixabay