Still aus „Hotel Punta del Este“ , Kurzfilmtage Oberhausen
Filmfestival

Wer schaut sich das eigentlich an? Zum Abschluss der Kurzfilmtage Oberhausen

Anne | 11. Mai 2016

Zwei ältere Damen aus Argentinien sitzen adrett gekleidet nebeneinander auf einem Ledersofa und wundern sich, was mit den Bildern geschieht, die gerade von ihnen gemacht werden. Aus dem Off hören wir den Fotografen Luis Sens Komplimente verteilen, wie liebenswürdig die beiden ausschauen. Was die Frauen nicht wissen, anstatt ein Foto zu schießen, filmt die Kamera und wir hören sie plaudern:

Was der wohl mit den Aufnahmen macht? – Er wird die doch nicht für etwas Dubioses verwenden, Porno oder sowas? – Der sieht doch ganz nett aus. – Wer schaut sich das eigentlich an? – Ich glaube nicht, dass wir in Gefahr sind. – Aber guck mal was der anhat. – Und der andere Mann dahinten guckt so horny.

Im Kino herrscht munteres Lachen über die Vermutungen der Damen. Denn ihre Sorgen sind offensichtlich nicht unbegründet, werden sie doch gerade wider ihres Wissens auf den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen dem Publikum präsentiert. Der Regisseur des 10-minütigen Films „Hotel Punta del Este“ – der als Playboy-Fotograf ironischerweise wirklich in der Porno-Branche arbeitet – hat ein Faible für extravagante Menschen und bittet sie oft spontan vor die Kamera. In dem Hotel in Punta del Este, Uruguay, hat er eigentlich Hochglanz Erotik-Fotos geschossen, als er in der Pause die beiden reizenden Damen in der Lobby entdeckte. Tage später zu Hause in Buenos Aires sah er sich das Video an und machte auf Grund der unterhaltsamen Konversation der Frauen kurzerhand einen Film aus dem Shoot, wie Sens im anschließendem Talk erzählt. Sein Film läuft in Oberhausen in der Reihe „El Pueblo – Auf der Suche nach dem neuen Lateinamerika“, welche in 46 dokumentarischen, fiktionalen und teils ziemlichen experimentellen Kurzfilmen einen Blick auf gesellschaftliche Fragen, den politischen Diskurs und die kollektive Identität Lateinamerikas wirft. In der spannenden Reihe wurden unter anderem auch Filme über einen mittlerweile erblindeten Sadomasochisten und seine Praktiken, oder einer Gruppe Transvestiten aus Sâo Paulo gezeigt.

Erfolgreichsten Kurzfilmtage Oberhausen

Neben dem Schwerpunkt „El Pueblo“ liefen in der 62. Auflage der Kurzfilmtage Oberhausen mehr als 550 Filme aus 55 Ländern, die aus rund 5500 Einsendungen ausgewählt wurden. Damit hatte die diesjährige Ausgabe der Oberhausen Kurzfilmtage das größte Programm der Festivalgeschichte und eine ganze Menge Filmstoff für die Jurys, die gestern Abend in den fünf Wettbewerben die Preise vergeben haben. Wie in den Jahren zuvor auch wurde ein großer Fokus auf das Kinder- und Jugendprogramm gelegt, in denen liebevoll animierte und gefilmte Werke gezeigt wurden, aus denen die (supersüße) Kinderjury und die Jugendjury ihre Favoriten auf der Abschlusszeremonie kürten. Wesentlich experimenteller ging es im Internationalen Wettbewerb zu, wo unter anderem Filme gezeigt wurden, die nichts zeigten außer „flüchtig auftauchende Performationen“ (stroboskopartig aufblitzende, zerkratze, bunte Bilder) unterlegt mit Zuggeräuschen.

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Gewonnen hat im Internationalen Wettbewerb jedoch ein Film der „in einem einzigem Raum, ein ganzes Universum erschafft“, so die Begründung der Jury. „Venusia“ der Regisseurin Louise Carrin zeigt in 30 Minuten die Inhaberin eines Luxusbordells und ihre Angestellten, der recht faulen Prostituierten Lena, die sich lieber die Nägel lackiert als die Tür für Kunden zu öffnen (wen wundert’s). Ebenfalls wurde der Berlinale-Preisträger Lav Diaz für seinen Kurzfilm „Ang araw bago an wakas“ (The Day before the End) ausgezeichnet, einem Film über Dichter und Stürme auf den Philippinen – dessen Sinn mir leider nicht ganz aufging, was entweder daran lag, dass die philippinischen Schauspieler nicht untertitelt wurden oder weil teilweise drei Menschen zeitgleich ohrenbetäubend vorgetragen haben oder aber ich einfach nicht verstehe, was all die experimentellen Aufnahmen in dieser Kombination zu bedeuten haben. Wo wir beim Kern der Kurzfilmtage Oberhausen sind: Hier wird die Avantgarde der Filmbranche präsentiert.

Austauschbare und beliebige Kinogeschichten sucht man hier vergebens, in Oberhausen kann es schon mal an die Schmerzgrenze gehen. Filme, die befremden, aufrütteln aber auch berühren mit ihrem außergewöhnlichen Blick auf die Welt. Genau so ein berührender und avantgardistischer Film – „If It Was“ von der Turner Prize Gewinnerin Laure Prouvost
 – wurde auch mit einem Preis ausgezeichnet. In diesem stellt sich die Filmemacherin sehr sinnlich vor, wie ihr weibliches Musée imaginaire aussehen würde.

„If it was my museum, the employees would kiss the floor on friday night, so every saturday you would walk through a freshly kissed room. I would make the corners soft, you would get fresh rasperrys everywhere and there would be lots of boobs. If it was my museum the people could improve the paintings with they own ideas.“

Unter den poetischen Worten der mit französischen Akzent hauchenden Frauenstimme liegen visuell wunderbar aneinander geschnittene Bilder, die uns eintauchen lassen in dieses Museum der Träume.

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Die Würdigung von Filmen wie „If it was“ ermutigen visuell arbeitende Künstler weiter an ihren progressiven Ideen zu arbeiten, auch wenn das Mainstream-Kino damit vielleicht zunächst nichts anfangen kann. So sagt Filmemacher Luis Sens von „Hotel Punta del Este“ nach der Verleihung: „People watch and appreciate that? Thats amazing! After Oberhausen I’m so encouraged to continue working with all the material I saved over the past years.“ Doch nicht nur die Filmszene fühlt sich auf den Kurzfilmtagen wohl, mit mehr als 20.000 Eintritten ging das Festival gestern zu Ende und stellte damit einen neuen Besucherrekord auf.

Auf 3Sat könnt ihr derzeit den Gewinnerfilm des 3Sat-Förderpreises aus dem letzten Jahr sehen, den Kurzfilm „An Ton Kaun“ – ein experimentelles Porträt über den Noise- und Videokünstlers Anton Kaun.

 

Kategorien: Behind The Scenes, Kino