Was passiert mit einer idealistischen Polit-Aktivistin, wenn sie in die Mühlen des Politikbetriebs gerät? Darum geht es in der Doku Egal gibt es nicht.
Doku | 3sat 44 min

Egal gibt es nicht – Idealismus im Politikbetrieb

Paul | 18. November 2017

Die Doku Egal gibt es nicht beginnt mit Paulina Fröhlich in Nahaufnahme. Sie sitzt an ihrem WG-Küchentisch und fängt an zu erzählen. Seit einiger Zeit dokumentiere sie nun das Leben ihrer Oma. Sie telefonierten jeden Tag und Paulina schriebe dann mit. Es wirkt, als würde sie abschweifen, doch folgende Erzählung ist kalkuliert: Das Leben ihrer Großmutter in der Nachkriegszeit sei ein karges gewesen. Es fehlte an allem, vor allem am Nötigsten. Dahin wolle sie nicht zurück, das sei ihre Motivation.

Deshalb möchte Paulina so gerne verstehen. Verstehen, warum immer mehr Menschen in Deutschland eine Partei wählen wollen, die sich ohne Umschweife an ihre niedersten Instinkte richtet. Warum das Treten nach unten, das andauernde Polarisieren und Überschreiten rhetorischer roter Linien ihre Umfragewerte noch verbessert. Kurzum möchte sie verstehen, was die AfD so groß macht. Und zwar, um sie wieder klein zu kriegen. Denn egal gibt es nicht!

Ziel und Name: Kleiner 5

Dafür gründete sie zusammen mit anderen gebildeten, jungen und engagierten Leuten eine Initiative. „Kleiner 5“ war Name und erklärtes Ziel: Die AfD sollte auf keinen Fall in den Bundestag ziehen. Ich spoiler hier hoffentlich niemanden, wenn ich sage, dass dieser ehrenwerte Versuch dramatisch gescheitert ist. Doch darum geht es in der sehr guten Doku Egal gibt es nicht auch gar nicht.

Vielmehr geht es um idealistische Ziele und Werte – und darum, was von ihnen übrig bleibt. Denn Paulina, und davon ist sie selbst zunehmend genervt, muss sich immer wieder erklären. Ihre Absichten und Ziele, die eigentlich so einfach und klar sind, muss sie Freunden, PR-Profis und Wutbürgern darlegen. Und sich ihren kritischen bis ungeheueren Nachfragen stellen, ihren Anfeindungen. Man übertrage dies nun auf andere Sachverhalte. Dann fragt man sich: Ist es in diesem Betrieb überhaupt möglich wahrhaftig zu bleiben und sich nicht dem Zynismus hinzugeben?

Außerordentliches Dokumentarfilmdebüt

Regisseur Florian Hoffmann gelingt hier mit seinem Debüt etwas Außerordentliches: Eine andauernde Nahaufnahme Paulinas, die durch den Fokus aufs Detail dem Zuschauer paradoxerweise einen, wenn auch kurzen, Panoramablick auf unser Land, seine Politik und sein Mediensystem erhaschen lässt. Gleichzeitig wird verständlicher, warum unsere Politiker sich oft aalglatt oder gekünstelt geben; was dieser politische Medienbetrieb, beziehungsweise mediatisierte Politikbetrieb, mit engagierten und vormals idealistischen Menschen macht.

Auch die Doku Nervöse Republik versucht, die rasanten Stimmungsschwankungen Deutschlands zu erklären.

Bild: Screenshot/Doku Egal gibt es nicht

Kategorien: Gesellschaft, Politik